Neuigkeiten und Informationen
18.01.2006 – Multimedia und klingendes Museum - Interview mit Dr. Thomas Synofzik
Im August 2005 bekam die "Fraktion der Zwickauer Radfahrer" Verstärkung. Seither ist Thomas Synofzik ziemlich eilig in der Robert- Schumann-Stadt unterwegs. Das Fahrrad garantiert ihm die schnellste Verbindung zwischen seinem Zuhause in Schwanenteich- Nähe sowie dem Hauptmarkt 5, seiner beruflichen Wirkungsstätte, und relativ naheliegenden Beratungsorten. Als neuer Direktor des Robert-Schumann-Hauses ist der 39- jährige promovierte Musikwissenschaftler seit vielen Wochen ein gefragter Mann, der sich vor Terminen kaum retten kann. Der Zwickauer Pulsschlag, das Amtsblatt der Robert-Schumann-Stadt, führte folgendes Interview mit Thomas Synofzik.  
 
 
Die ersten Jahre  
 
Zwickauer Pulsschlag: Wann bzw. durch welche Erlebnisse oder Personen wurde in Ihnen die Liebe zur Musik geweckt? Wie entdeckten Sie für sich den Komponisten Robert Schumann?  
 
Thomas Synofzik: Ich komme aus einem künstlerisch nicht sonderlich geprägten Elternhaus – sieht man davon ab, dass meine Mutter in ihrer Jugendzeit mal in einem Chor gesungen hatte. Doch nachdem eine Kindergärtnerin auf meine musikalischen Talente hinwies, ließen meine Eltern mir Klavierunterricht geben und schickten mich in einen Knabenchor. Die Begeisterung für Schumann entstand aus dem zufälligen Zusammentreffen zweier Begebenheiten: Im Vorschulalter bekam ich eine Langspielplatte (Vinyl sagt man heute) mit Kinderliedern geschenkt, auf der auch drei Klavierstücke aus dem Album für die Jugend von Robert Schumann waren. Die habe ich sehr viel gehört und auch irgendwann versucht, die Schumann-Stücke am Klavier vom Gehör her nachzuspielen. Mein erster Klavierlehrer taugte nicht viel; Schumann-Noten habe ich bei ihm nie zu sehen bekommen und wusste nach vier Jahren Unterricht auch noch nicht, was Fingersätze sind. Später hatte ich dann zum Glück einige sehr gute Klavierlehrer, darunter den bekannten Komponisten Stefan Heucke. Als jugendliche Leseratte verschlang ich alle Bücher, die mir in die Hände fielen, und da gab es damals auf dem Büchermarkt zwei speziell für Kinder geschriebene musikalische Biographien von Karla Höcker: eine über Wolfgang Amadeus Mozart und eine über Clara Wieck-Schumann. Die über Mozart hinterließ wenig bleibende Eindrücke. Die über Clara Wieck-Schumann aber begeisterte mich, nachdem ich herausgefunden hatte, dass Clara die Frau des Komponisten der drei Klavierstücke auf meiner Kinder-Schallplatte war. Ich war gespannt darauf, andere Musik von ihm hören und wünschte mir so als Zwölfjähriger weitere, "richtige" Schumann-Biographien und Schallplatten mit Schumanns vier Symphonien zu Weihnachten. Besonders die Zweite hat mich damals absolut begeistert – noch immer meine Lieblingssymphonie. Naja, und so ging’s los. Zwei Jahre später war Schumann-Jahr (125. Todestag), in Düsseldorf. Da gab’s ein riesiges Fest, zu dem ich reisen durfte. Es war die erste Reise ohne Begleitung meiner Eltern. Ich hörte Vorträge beim ersten Düsseldorfer Schumann-Symposium und beschloss fasziniert, dass ich auch Musikwissenschaftler werden wollte, um mal derartige Vorträge halten zu können.  
 
Zwickauer Pulsschlag: Mal nebenbei gefragt: Hier und da hört man schon, das Thema "Schumann", die Musik, sei irgendwie schwierig. Teilen Sie diese Auffassung?  
 
Thomas Synofzik: Ich glaube nicht, dass die Musik Robert Schumanns als schwierig gelten kann im Vergleich mit anderen Komponisten, etwa Beethoven. Wie kaum ein anderer Komponist hat gerade Schumann ganz viel Musik speziell für Kinder geschrieben, das ist in jedem Fall ein wunderbarer Einstieg – auch für Erwachsene. Und obwohl ich einiges davon schon mehr als drei Jahrzehnte kenne, entdecke ich immer noch neue Schichten, neue Facetten – solche Unerschließbarkeit ist immer ein Beweis für große Kunst.  
 
Der Entschluss  
 
Zwickauer Pulsschlag: Aus dem Rheinland nach Sachsen, das ist ein Schritt, den man sich mit Sicherheit gründlich überlegt. Welche Beweggründe gab es für Sie, sich als Kölner Musikwissenschaftler auf die Ausschreibung der Direktorenstelle für das Zwickauer Robert-Schumann-Haus zu bewerben?  
 
Thomas Synofzik: Ich hatte immer ein Faible für die sächsisch-thüringische Kultur- und speziell Musiktradition, gleich ob im 17. Jahrhundert – beispielsweise mit dem Bad Köstritzer Heinrich Schütz –, im 18. Jahrhundert – mit dem Eisenacher Johann Sebastian Bach –, im 19. mit dem Zwickauer Robert Schumann oder in den 1980er Jahren mit DDR-Rockbands wie Stern Meißen und Lift – letztere hatte ich während eines Ferienaufenthalts im DDR-Fernsehen für mich entdeckt, was dazu führte, dass ich in meiner gesamten Schulzeit neben WDR 3, dem westdeutschen Klassiksender, jeden Nachmittag Jugendradio DT 64 (mit speziell dafür nach Osten ausgerichteter Dachantenne) hörte. Da Schumann von jeher meine erste Liebe galt, war es gar keine Frage, dass eine Anstellung im Zwickauer Robert-Schumann- Haus immer mein Traumjob war – in den 80er Jahren freilich schien das jenseits aller Utopien, auch wenn die Nachricht, dass sich meine Geburtsstadt Dortmund ausgerechnet die Robert-Schumann-Stadt Zwickau als Partnerstadt aussuchte, erschien in jener Zeit als gutes Omen. Dass ich vom Rheinland nach Sachsen nun genau den umgekehrten Weg von Schumann gegangen bin, hat für mich eine besondere Symbolik – solche innerdeutschen Wanderungsbewegungen sind sehr wichtig für das Zusammenwachsen unseres zu lange geteilten Landes.  
 
Die Anforderungen  
 
Zwickauer Pulsschlag: Die im März 2006 veröffentlichte Stellenausschreibung las sich mehr als anspruchsvoll. Die Liste der Anforderungen war lang: Musikwissenschaftliche Hochschulausbildung, sehr spezielle Kenntnisse und Fähigkeiten bezüglich des Werkes von Clara und Robert Schumann sowie auf philologischem Gebiet, Beherrschung von Fremdsprachen, Führungs- und Leitungsqualitäten mit entsprechender Berufserfahrung... Außerdem sollten Bewerber auch künstlerisch etwas zu bieten haben und noch dazu fit im Umgang mit moderner Datentechnik sein! 24 Bewerber meinten, diesem Profil gerecht werden zu können. Welche Referenzen bzw. Vorstellungen und Ideen konnten Sie in die Waagschale werfen, die Sie als einen der beiden aussichtsreichsten Bewerber für diesen Posten interessant machten?  
 
Thomas Synofzik: Die musikwissenschaftliche Ausbildung war da, promoviert hatte ich nicht über Schumann, sondern über Musik des frühen 17. Jahrhunderts (zufälligerweise auch über Bestände der Zwickauer Ratsschulbibliothek). Ich konnte eine ziemlich lange Liste an Publikationen zum Thema Schumann nachweisen, Musikphilologie war auch bei meiner Dissertation ein Hauptinteresse. Weil mir Musikwissenschaft nach einem Semester Studium an der Kölner Universität dann doch etwas trocken vorkam, habe ich parallel auch noch eine musikpraktische Ausbildung absolviert. Fremdsprachen lagen mir immer gut. Ich hatte das Glück, eine Grundschule zu besuchen, wo schon im dritten Jahr Englisch unterrichtet wurde, und ein Gymnasium, wo man neben Französisch und Latein auch Russisch lernen konnte. Italienisch und Niederländisch kamen in der Studienzeit hinzu. Mein Vater hatte sich – aus einer armen Bergarbeiterfamilie kommend – in den westdeutschen Wirtschaftswunder- Jahren zum mittelständischen Maschinenbau-Unternehmer emporgearbeitet. Einige Jahre lang war ich in die Leitung dieses Betriebes mit eingebunden, hatte dort z. B. während meiner letzten Schuljahre die Software für EDV-Korrespondenzabwicklung und -Gehaltsabrechnung erstellt. Für meine freiberuflichen Tätigkeiten beim Westdeutschen Rundfunk und an der Kölner Musikhochschule wurden mir erstklassige Zeugnisse ausgestellt, und gute Ideen für die Zukunft des Zwickauer Robert-Schumann-Hauses hatte ich wohl auch einige.  
 
Die Herangehensweise  
 
Zwickauer Pulsschlag: Das Anforderungsprofil für den Direktor des Robert-Schumann- Hauses ergab sich aus den gegenwärtigen und künftigen Aufgaben. Deren Auflistung lässt allerdings schon die Frage aufkommen: Gibt es wirklich solche "Multifunktionalisten", die in der Lage sind, den Spagat zwischen zeitaufwändiger wissenschaftlicher Arbeit und Leitungsfunktionen zu schaffen? Erst recht, wenn das mit der dringenden Forderung nach öffentlichkeitswirksamer Darstellung in den Medien einhergeht und die Aufgabe steht, eine langfristige Marketingstrategie zu entwickeln. Wie also gestalteten Sie Ihre ersten Monate, um all dem gerecht zu werden?  
 
Thomas Synofzik: Natürlich galt es zunächst einmal, mich mit dem Haus und seinen Beständen vertraut zu machen. Das ließ sich kombinieren mit meinem Vorhaben der Umstellung von handschriftlicher auf computergestützte Archivverwaltung. Nicht weniger wichtig aber war es, Leute kennen zu lernen, Kontakte zu knüpfen, Kooperationen aufzubauen. Ich bin sehr dankbar, dass auch gleich viele Kollegen, Partner und Schumann-Liebhaber auf mich zugekommen sind, mich im Schumann-Haus besucht haben. Doch die Liste derer, mit denen ich Kennenlern-Gespräche führen möchte, ist noch immer recht lang. Vernetzung ist mir ein ganz großes Anliegen, sowohl innerhalb der Stadt, als auch auf regionaler, nationaler und europäischer Ebene. Neben einem auf diese Weise ziemlich dichten Terminkalender, der Beantwortung von Archivanfragen aus aller Welt, Museumsarbeit und allen möglichen Verwaltungstätigkeiten habe ich es in den vergangenen drei Monaten immerhin auch geschafft, das Manuskript zu einem Schumann-Buch fertig zu stellen, das gerade in dieser Woche erscheint. Zeitlich effizientes Arbeiten gehört zu meinen Stärken, doch wäre das in den vergangenen Monaten bereits Erreichte nicht zu schaffen gewesen ohne das große Engagement und die hohe Einsatzbereitschaft meiner Mitarbeiterinnen. Meine Kollegin Anette Müller präsentierte mir gleich an meinem ersten Arbeitstag die Ausschreibung zum Wettbewerb "Deutschland – Land der Ideen" im Zusammenhang mit der Fußballweltmeisterschaft. Sie hatte auch schon einen guten Einfall, womit wir uns bewerben könnten: mit Vater August Schumanns Erfindung des Taschenbuches. Das war ganz in meinem Sinne, weil sich das Robert-Schumann- Haus auf diese Weise neue Zielgruppen erschließen kann. Wir sind auch ein Literaturmuseum! Neben mehreren hundert Exemplaren aus dem Verlag August Schumanns haben wir auch einen Großteil von Schumanns literarischer Privatbibliothek im Hause. Solche Bestände sollen demnächst auch über unsere Homepage abzufragen sein; jeder Interessierte kann sie in unserem Archiv nutzen oder Reproduktionen bestellen.  
 
Die besondere Herausforderung  
 
Zwickauer Pulsschlag: Auch das soeben begonnene Schumann-Jahr 2006 mit dem die Stadt Zwickau ihren großen Komponisten aus Anlass seines 150. Todestages ehrt, ließ Ihnen keine große Zeit zur Eingewöhnung. Die Vorbereitungen liefen bereits als Sie zum künstlerisch Verantwortlichen für das Festjahr erklärt wurden. Kann man sagen, dass dies einem Sprung ins kalte Wasser gleichkam? Wie reflektieren Sie diesbezüglich die Zusammenarbeit verschiedenster Partner, die gemeinsam daran arbeiten, das Schumann- Jahr mit Leben zu erfüllen und Zwickau damit bundesweit und international bekannter zu machen?  
 
Thomas Synofzik: Ich war sehr beeindruckt von der Vielzahl der Kooperationspartner, die Veranstaltungen zum Schumann-Jahr beisteuern, und von deren Aufgeschlossenheit. Die Zusammenarbeit läuft gut, wenn auch noch nicht in allen Punkten optimal. Wir arbeiten daran, die Kooperation in diesen Bereichen noch effizienter zu gestalten, und ich denke, wir sind auf einem guten Wege. Zum Glück hatte mein Vorgänger, Dr. Gerd Nauhaus, die meisten Veranstaltungen für das Schumann- Jahr bereits geplant. Zu den Veranstaltungen, die ich eingebracht habe, gehört z. B. eine Buchpräsentation, zu der am vergangenen Wochenende über 150 Besucher ins Haus kamen. Und auch diverse Vortrags- und Kinderveranstaltungen sowie die Planung für unsere Foyerausstellungen ("Schumanns Liederspiele", "Mozartiana aus dem Besitz von Robert und Clara Schumann", "Robert Schumannn und Heinrich Heine") gehen auf meine Initiative zurück.  
 
Der Blick in die Zukunft  
 
Zwickauer Pulsschlag: Das Robert-Schumann- Haus hat einen unverwechselbaren Charakter. Es ist eines von nur 20 Einrichtungen in den neuen Bundesländern, die von der Bundesregierung (Blaubuch) den Status eines "kulturellen Gedächtnisortes" bescheinigt bekamen. Das in Schumanns Geburtshaus befindliche Archiv bietet die größte Schumann-Sammlung weltweit. So eine Anerkennung ist jedoch auch große Verpflichtung. Um das Robert-Schumann-Haus perspektivisch zu einem der schönsten deutschen Musikermuseen zu entwickeln, sind besondere Ideen gefragt und auch der Mut, neue Wege zu beschreiten. Welche Visionen haben Sie für die kommenden Jahre?  
 
Thomas Synofzik: Ich setze auf Multimedialität. Unser Haus soll kein Ort des stillen Gedächtnisses sein, sondern Schumann erlebbar machen. Ein Musikmuseum muss ein klingendes Museum sein. Und es soll nicht nur für Musikliebhaber attraktiv sein, sondern auch für Liebhaber der Literatur, der Malerei, oder auch all diejenigen, die etwas über das alltägliche Leben im 19. Jahrhundert erfahren wollen oder über die Schumann- Stätten der Stadt Zwickau und ihre Veränderungen im Verlauf von zwei Jahrhunderten. Das sind längerfristige Ziele, die sich nicht innerhalb von einigen Monaten erreichen lassen. Was ich bereits im nächsten Monat beginnen möchte, sind spezielle Kindernachmittage. Unsere Museumsmitarbeiterin Sabine Wagner setzt sich äußerst engagiert für die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen ein, ihre speziellen Führungen sind immer sehr erfolgreich. Beim ersten Kindernachmittag am Rosenmontag, dem 27. Februar, laden wir unter dem Motto "Fasching bei Schumanns" zur spielerischen Auseinandersetzung mit Schumanns Karneval- Kompositionen ein.  
 
Der Neu-Zwickauer  
 
Zwickauer Pulsschlag: Fühlen Sie sich inzwischen heimisch in Zwickau? Trägt das Wohnen in Zentrumsnähe dazu bei? Gibt es Neuigkeiten bezüglich ihrer Sammelleidenschaft, sprich, was wurde aus den historischen Tasteninstrumenten, die nicht auf Anhieb Platz in der neuen Bleibe fanden?  
 
Thomas Synofzik: Ich fühle mich sehr wohl in Zwickau, wage freilich noch nicht, das als Heimat zu bezeichnen. Wenn ich auf meinem Weg von und zur Arbeit am Schwanenteich entlang radele, der zur Zeit eis- und schneebedeckt ist, an der Schar der schnatternden Enten, Gänse und Schwäne vorbeikomme, so ist das schon ein ganz besonderes Naturerlebnis, das kaum eine andere Stadt dieser Größe quasi mitten im Zentrum bietet. Dazu der Blick auf den Dom, der zwar von der Größe her nicht mit dem Kölner konkurrieren kann, mir aber meiner evangelischen Konfession wegen trotzdem viel mehr bedeutet. So langsam ist auch meine Wohnung eingerichtet, die meisten Umzugskartons sind entpackt (sechs oder sieben warten allerdings immer noch darauf, ihrer Fracht entledigt zu werden). Natürlich fehlen mir andauernd noch Sachen, die (vermutlich?) "im Westen" geblieben sind. Und leider wohnt auch meine Lebenspartnerin noch in Köln, da sich für sie hier noch keine Jobperspektiven gefunden haben. Wenn ich im etwa monatlichen Rhythmus mal wieder für ein paar Stunden in Köln bin, ist auf der Rückfahrt das Auto immer voll mit einer weiteren Umzugsladung für Zwickau. Von meinen sieben historischen Tasteninstrumenten ist bisher erst eines mit nach Zwickau gekommen, zur musikalischen Absicherung des Weihnachtsliedersingens am Heiligen Abend. Für drei ist der Platz reserviert, die anderen müssen wohl zunächst noch ausgelagert bleiben.  
Zur Vergrößerung bitte klicken!
Dr. Thomas Synofzik - seit August 2005 neuer Direktor des Robert-Schumann-Hauses.
 
Zur Vergrößerung bitte klicken!
Nicht nur Wissenschaftler, sondern auch Musiker - hier beim Neujahrsempfang der Stadt Zwickau.